Die Geschichte des Europa-Parks

Europa Park - Aller Anfang ist schwer, Artikel von Jens Uwe Kupka, April 1999

In unserer heutigen Zeit stehen wir oft vor großen, imponierenden Freizeitparks. Der Besucher erwartet heute sehr viel von den Anlagen. Wenn also neue Freizeitanlagen gebaut werden, stehen meist Investitionen mehrerer hundert Millionen DM an. Blicken wir aber, gerade in Deutschland mal 20, 25 oder gar 30 Jahre zurück, dann werden wir sehen, dass das Publikum sich bei neuen Anlagen auch mit sehr wenigen Attraktionen anziehen ließ. Unsere deutschen Anlagen wuchsen meist aus Kleinanlagen. Ich möchte euch von den Anfängen der Parks erzählen. Den Anfang mache ich mit dem Europa-Park in Rust.

Am 12. Juli 1975 eröffnete in Rust der Europa-Park, und damals dachte keiner aus der Mack-Familie, dass der Park sich so entwickeln würde. Eigentlich war der Park als "ein ständiges Schaufenster der Firma Mack" gedacht. Drei Jahre lang dauerte die Planungsphase der Bauherren Mack & Tiemann KG. Etwa ein Jahr dauerte die Bauzeit. Beim Namen Tiemann werden einige von euch aufhorchen. Das war kein anderer als der Vater des jetzigen Heide-Park Besitzers. Er verstarb leider, bevor der Park an den Start ging. Noch heute sind beide Familien eng befreundet.

Wenn man einen Freizeitpark bauen will, was macht man als erstes? Richtig, man muss sich erstmal nach einem geeigneten Gelände umschauen und sich die Baugenehmigungen besorgen. Und dass das nicht immer einfach ist, zeigt uns das Beispiel Europa-Park. Um es vorweg zu nehmen, Rust war nicht die erste Wahl des Standorts.

Am ersten geplanten Standort entstand der Name Europa-Park. Am Grenzübergang zum Elsass in Breisach am Rhein fand man ein geeignetes Gelände. Um einen bereits bestehenden See sollte der Park entstehen. Breisach war die erste, Europastadt, deshalb war Mack und Tiemann klar, dass der Park nur Europa-Park heißen konnte. Die Pläne waren bereits abgeschlossen und auch erste Genehmigungen diverser Ämter gab es schon, da scheiterte das Projekt in Breisach am Wasser- und Schiffahrtsamt. Das Amt legte Einspruch ein, weil es Pläne für die Zukunft mit dem Gelände hatte. Um Überschwemmungen des Rheins im Mannheimer Raum zu verhindern, sollte dort ein Rückhaltestaubecken enstehen. Aus der Traum nach der ersten Niederlage? Nein, mit großen Optimismus ging man weiter auf Suche. Den Namen Europa-Park wollte man beibehalten, egal an welchem Standort auch immer.

Man fand ein Gelände direkt an der BAB Karlsruhe/Basel an der Gemarkung Neuenburg. Wieder wurden Pläne erstellt. Der dortige Park sollte integriert werden in die Planungen von Tennisanlagen, Schwimmbädern, Fussball- und Campingplätzen. Nach vielen Gesprächen und Plänen scheiterte das Projekt bei einen Offiziell angesetzten Behördentermin. Diesmal war es das Autobahnamt Stuttgart. Eine Verbreiterung der Autobahnunterführung hätte damals etwa 1 Mio. DM verschlungen. Ändern konnte man daran nichts mehr, weil die Genehmigung für den Bau der Unterführung schon vorlag.

Beim dritten Mal klappte es endlich. Die Gemeinde Rust, nur wenige Kilometer von der BAB Karlsruhe/Basel entfernt hatte ein Gelände, dessen Bedingungen einen Freizeitpark zuließen. Rust, welches damals 2800 Einwohner hatte, war im Besitz eines jahrhundertealten Schlossparks und die Gemeinde war bereit, diesen Park für ein Freizeitprojekt freizugeben. Gemeinde und Gemeinderat standen von Anfang an hinter dem Projekt. Also kaufte man als zusätzliches Gelände noch einen kleinen Märchenpark dazu. Jetzt standen etwa 160.000 m² für das Projekt zur Verfügung. Nun musste der Weg der Baugenehmigungen eingegangen werden. Und dieser Weg war sehr steinig. So mussten damals das Regierungspräsidium Freiburg, Staßenverkehrsamt, das Wasserwirtschaftsamt, der Denkmalschutz (wegen des angrenzenden Schlosses), das Naturschutzamt und das Ionensphäreninstitut ihren Segen geben. Gerade das Ionensphäreninstitut machte Ärger, weil es befürchtete, dass die elektrischen Anlagen des Parks ihre Empfangsanlagen, die in der Nähe des Parks stehen, stören würden.

Der damalige Bürgermeister Spoth war meist bei den langen Verhandlungen bei den Behörden dabei. Es zeigt, wie sehr Rust hinter dem Projekt damals stand. Das Landratsamt genehmigte dann endlich eine Bauvoranfrage, jedoch wurde durch einen Einspruch kurze Zeit wieder alles auf Eis gelegt. Der Einspruch kam vom damaligen Schlossbesitzer Dr. Fuchs. Nun wurden sogar Landtags- und Bundestagsabgeordnete eingeschaltet und sogar der Regierungspräsident Dr. Persons befürwortete das Projekt. Zu diesem Zeitpunkt hatte man schon 25 Arbeitskräfte eingestellt und es waren schon mehrere hunderttausende DM investiert worden. Der Regierungspräsident konnte den Schlossbesitzer konnte damals überzeugen, dass er den Einspruch zurück nimmt. Als Zugeständnis gegenüber dem Schlossbesitzer sollte das Gelände vor dem Schloss als Freizeitpark ausgeschlossen sein. Man wollte zuerst auch das Schloss kaufen, weil man dort gut einen Gastronomischen Betrieb einrichten könnte, jedoch scheiterte das an den überhöhten Preisvorstellungen des Schlossbesitzers. Dass das ein paar Jahre später doch noch klappte, wissen wir ja alle. Ende 1974 kam dann endlich die vollständige Baufreigabe und die Bauarbeiten konnten mit Hochdruck fortgesetzt werden.

Aber auch bei der Erschließung des Geländes gab es Probleme und noch ziemliche Kosten. Das Grundwasser musste zum Teil auf bis zu acht Meter gesenkt werden um die Verlegung von 5 km Kanalisation und Wasserleitungsnetz zu ermöglichen. Das Gelände eignete sich eigentlich sehr gut für einen Park, dennoch mussten sehr viele Erdarbeiten vorgenommen werden. So wurden etwa 75000 t Erde bewegt, ca. 5000 t Beton und etwa 6000 t Asphalt verarbeitet. Etwa 10.000 m Erd- und sonstige Kabel wurden verlegt, um für den Park eine Trafostation mit 1000 kVA zu bauen. Sie war nötig, um die einzelnen Einrichtungen zu versorgen. Etwa 3000 m Telefonkabel wurden verlegt für das eigene Telefonnetz mit 25 Nebenstellen. 2,5 km aum wurden für die Einzäunung verbraucht. Das Wasserwirtschaftsamt hat noch eine eigene Kläranlage zur Auflage gemacht, um das Abwasser der damals insgesamt 30 Toiletten zu reinigen. Zu guter Letzt wurden in der ersten Baustufe etwa 3,7 km befestigte Wege hergestellt, 2/3 davon waren asphaltiert. In den ersten 3 Monaten nach der Eröffnung kamen 250.000 Besucher und von Jahr zu Jahr steigerten sich die Zahlen. Bereits 1979 überschritt man die Millionengrenze. Im letzten Jahr (1998) waren es satte 2,7 Millionen Besucher. Und es werden bestimmt mehr, da der Europ-Park jedes Jahr in Neuheiten gewaltig investiert.

Zum Abschluss noch eine Erklärung zu den Attraktionen und Einrichtungen des Eröffnungsjahres 1975:

1. Die Panorama-Eisenbahn, von Chance aus den USA importiert, fuhr auf etwa 1,8 km um den Park. Die Lok und 5 Waggons bieten Platz für 80 Erwachsene oder 150 Kinder. Die Lok hat ein Gewicht von 300 kp und ihr Otto-Motor bringt 100 PS mit einem automatischen Getriebe. Die Lok und die Waggons haben eine Einzelrad-Luftdruckbremse. Die Waggons sind mit Lautsprechern ausgerüstet.

2. Die Miniaturgolfanlage mit 15 Bahnen. Miniaturbauten wie z.B. Eiffelturm, Big Ben, Griechischer Tempel dienten als Hindernisse

3. Eine alte Kaiserstühler Dampflokomotive wurde mit viel Farbe und Arbeit restauriert. Sie stammte aus dem Jahr 1916 und wurde vom Europa-Park von der Mittelbadischen Eisenbahn-Gesellschaft erworben. Die 48 t schwere Lok sollte als Spielgerät für die Kleinen sein. Die Waggons eventuell später als Imbissräume.

4. Eine Märklin-Modellschau wurde auf 300 m² Fläche gezeigt. Dazu kamen Vitrinen mit Modellen aller Art. Mehrere Personen konnten sich ein Wettrennen auf einer Rennsprint-Anlage geben.

5. Die Monza-Piste mit 15 Turbo-Porsches auf einer 500 m langen Fahrbahn Die Fahrzeuge haben einen Vier-Takt-Ottomotor mit 5 PS und erreichen etwa 10 km/h

6. Ein Kinderspielplatz mit 15 Klettergeräten, einer Spielfestung und einer Doppel-Riesenrutsche von 10 m Höhe.

7. Eine Einschienenbahn von Mack auf 800 m Länge in etwa 4 m Höhe. 10 Züge zu Anfang mit einem Zugwagen und zwei Anhänger. Der Zugwagen fährt mit einem Drehstrom-Motor.

8. Das Eurodrom, die Einschienenbahn durchfährt dieses Gebäude, ist ein Rundbau mit 40 m Durchmesser. Man sieht eine Miniatur-Show mit Motiven aus allen Kontinenten der Erde. Die Musik und der Text wurden extra dafür geschrieben.

9. Ein Unterhaltungszentrum mit Münzautomaten aller Art in den drei poppigen 8 m hohen Spitzzelten. Betrieben von einem Automatenunternehmer.

10. Der künstliche See von 16.000 m² Größe. Dort war der ehemalige Golfplatz der Barone. 3000 LKW-Ladungen wurden für den Aushub benötigt.

11. Die finnische Floßfahrt von Mack auf dem künstlichen See befördert mit 15 Flößen zu je 6 Personen die Besucher auf 450 m Länge durch einen Elektroantrieb.

12. Die Mississippi-Dampferfahrt von Mack fährt schienengeführt auf ca. 400 m mit einem Boots-Diesel-Motor und einer stündlichen Kapazität von 600 Personen.

13. Märchenallee entlang einer 300 m langen Baumallee mit 10 verschiedenen, vertonten Märchen in Häuschen.

14. Märchenbahn Wichtelhausen von Mack auf einer 150 Meter langen Strecke.

15. See-Restaurant mit Café mit 300 festüberdachten Innenplätzen, sowie 250 mit Segeltuch überdachten Aussenplätzen. Zeltkonstruktion von Firma Stromeyer, Konstanz nach den Plänen von Franz Mack.

16. Schlosspark-Café mit 150 Innen- und 200 Aussenplätzen. Gebaut im Pavillon-Baustil mit kegelförmigen Polyester-Dächern

17. Streichelzoo, speziell für Kinder gedacht. Durch eine Doppelsperre kommt man in den Innenbereich. Man kann die Tiere (Ziegen, Lämmer, Fohlen, etc.) füttern und streicheln. Im Streichelzoo ist auch ein Affengehege.

18. Tiergehege mit Ponys, Eseln, Schafen, Ziegen, Chinesische Hängebauchschweine, Dammhirsche etc.

19. Ein musizierendes Bärentheater von Heimo, Jagsthausen. Automatisch gesteuerte Puppenschau mit Bären in Lebensgröße.

20. 4 großräumige Kioske mit teilweise unterschiedlichen Angebot, sowie eine Souvenir-Scheune.

Des weiteren waren eine Schlosserei, Malerei und ein abgetrennter Lagerplatz vorhanden. Für diese Einrichtungen gab es ein Stammpersonal von ca. 20 Personen. Während der Saison waren etwa 100 Leute im Park beschäftigt, etwa 40 davon arbeiteten in den Restaurationsbetrieben.

Ein Teil der oben aufgeführten Einrichtungen ist heute nicht mehr vorhanden oder aber verändert worden. Der Besucher konnte mit allen fahrbaren Einrichtungen so oft fahren, wie er wollte. Das war alles im Eintrittspreis enthalten. Extra zahlen musste man nur im Bärentheater, beim Minigolf und an den Spielautomaten. 1975 ging es dann auch in die 2. Baustufe unter anderem mit dem Delfinarium. Würde man heute, also im Jahr 1999, einen Park mit einer solchen Attraktionsbestückung bauen, wäre dieser Park schnell beim Konkursverwalter. Das zeigt uns aber auch, dass der Konsument im Laufe von 20 bis 30 Jahren unwahrscheinlich anspruchsvoll geworden ist. Teilweise so anspruchsvoll, dass man den Besuchern jedes Jahr was neues bieten muss.


Wir bedanken uns für die Freigabe dieses Artikels bei Jens Uwe Kupka.